Páginas

quarta-feira, 2 de fevereiro de 2011

„Lo schiavo“ des brasilianischen Komponisten Carlos Gomes in deutscher Erstaufführung



 Freiheitskampf in Fortissimo: „Lo schiavo“ des brasilianischen Komponisten Carlos Gomes in deutscher Erstaufführung

Von Thomas Schmitz-Albohn

Bunte Federn, wiegende Hüften, nackte Bäuche - auf der Bühne des Stadttheaters ist der Samba los! Die reizenden Tänzerinnen in ihren farbfrohen Kostümen sind aber nur Staffage, nur grellbunte Zutat eines Opernabends, der sich zwar äußerlich sehr brasilianisch gibt, aber völlig ohne südamerikanische Lebensfreude, Sinnlichkeit und Erotik auskommt.

Die von den Gießener Schatzgräbern ausgebuddelte und zur deutschen Erstaufführung gebrachte Oper „Lo schiavo“ (Der Sklave) des brasilianischen Komponisten Carlos Gomes (1836 bis 1896) ist durch und durch italienisch, klingt hier und da nach Verdi und nimmt in Ansätzen den Verismo eines Mascagni oder Leoncavallo vorweg. Vor allem ist es ein klangmächtiges Werk, das den Trommelfellen arg zusetzt. Wenn sich Chor und Orchester vereinen und die Stimmen der vorzüglichen Gesangssolisten wie entfesselte Stürme durch das Theater fegen, erweist sich das Gießener Haus als eine Nummer zu klein für den Freiheitskampf der Sklaven in hymnischem Fortissimo.

Obwohl Handlung und Musik nicht immer zueinander passen wollen, das Werk dramaturgische Schwächen aufweist und Regisseur Joachim Rathke dick aufträgt, dürfen die Verantwortlichen des Stadttheaters die Aufführung als lohnende Entdeckung und großen Erfolg für sich verbuchen. So sah es auch das Premierenpublikum am Samstagabend, das alle an der Produktion Beteiligten mit minutenlangem Applaus überschüttete. Und bei der anschließenden Premierenfeier schickte der brasilianische Vizekonsul Danilo Zimbres sogleich den Dank seiner Regierung für „dieses Meisterwerk“ hinterher.

Kein politisches Werk
Ein gesellschaftskritisches oder gar politisches Werk ist diese Art Spartakus-Oper gewiss nicht. Gomes nimmt die Abschaffung der Sklaverei und den Freiheitskampf gegen die portugiesischen Grundbesitzer lediglich als Folie für eine verhängnisvolle Dreiecksgeschichte um Liebe, Treue, edelmütige Kameradschaft und vermeintlichen Verrat.

Das Philharmonische Orchester Gießen, das in den vergangenen Tagen wegen des miserablen Notenmaterials unter erschwerten Bedingungen probte, zeigt sich diesmal von seiner robusten Seite. Unter dem energisch antreibenden Dirigat des Generalmusikdirektors Carlos Spierer erscheint die effektvolle, pathetische und auch plakative Musik des Brasilianers für empfindliche Ohren immer eine Spur zu laut, so dass die Sänger mächtig forcieren müssen, um gegen die volle Wucht des Orchesters anzusingen. Bei der in satten Streichertönen schwelgenden Ouvertüre mit Wagner-Anklängen blickt das Publikum auf eine riesige Reklametafel mit brasilianischer Werbung für „Erlöserkaffee“, und bei dem bekanntesten Stück aus „Lo schiavo“, dem sinfonischen Intermezzo „Alvorada“ (Morgenröte), das in glühenden Orchesterfarben den Sonnenaufgang über den Weiten des Urwalds malt, spielen Kinder auf einer Müllkippe mit Mülltüten.

Daran sieht man, dass Joachim Rathke das vom Komponisten ins 16. Jahrhundert verlegte Geschehen in der Gegenwart spielen lässt. Aus der Zuckerrohrplantage ist eine Kaffeerösterei (Bühnenbild: Bernhard Niechotz) geworden, und man blickt in eine Fabrikhalle, die wie ein Schlachthaus gekachelt ist. Paramilitärisch gekleidete Wärter und eine Muttergottes in ihrer Nische beaufsichtigen die einheitlich blau gekleideten Arbeiterinnen (Kostüme: Lukas Noll). Wenn sich der Bühnenvorhang hebt, wird man gerade noch Zeuge einer soeben erfolgten Vergewaltigung einer Arbeiterin.

Süßlicher Kitsch
Später gibt die französische Gräfin Boissy in derselben Umgebung ein rauschendes Fest mit Sambatänzerinnen und allem Drum und Dran, und da findet die Regie besonderen Gefallen an grellbunten Tupfern und süßlichem Kitsch: So schwebt die Gräfin, verkleidet als Madonna, über den Köpfen der Festgesellschaft, streut Rosenblätter auf sie herab und verkündet das Ende der Sklaverei.

Szenenwechsel. Das Lager der Aufständischen ist eine graue Müllkippe unter grauem Himmel. Hier haust der ehemalige Sklave Iberè als Anführer der Rebellen. Er und seine Frau Illàra wurden einst als Sklaven zwangsverheiratet, doch Illàra liebt noch immer Americo, den Sohn des Fabrikbesitzers.

Fest der Stimmen
Die Gießener Aufführung ist vor allem ein Fest der großen Stimmen: Prickelnd und klar wie der Champagner in ihrem Glas ist der Gesang von Carla Maffioletti als Gräfin. Die brasilianische (!) Sopranistin bezaubert wieder alle mit ihrem Charme und ihrer leicht geführten Stimme. Hinter den virtuosen Koloraturen lässt sie aber die echten, tiefen Gefühle einer liebenden Frau durchblicken.

Eine Löwin von einer Frau, das ist Virginia Todisco als Illàra. In ihrer Darstellung ist der kämpferische Unterton ständig präsent. Die Sopranistin verfügt über eine enorme stimmliche Ausstrahlung, und wenn sie zu Beginn des dritten Aktes die große Arie „O Himmel von Parahyba“ singt, ist dies voller emotionaler Hingabe.

Der, den sie liebt, ist Americo, dem Adrian Xhema mit seinem frei schwingenden und weit tragenden Tenor stimmlichen Glanz verleiht. Und den nötigen Schmelz bringt er auch mit. Das zeigt sich vor allem in der tadellos vorgetragenen Bravourarie am Ende des zweiten Aktes, als Americo glaubt, die Liebe Illàras verloren zu haben. Man kann verstehen, dass Caruso diese Arie geliebt hat.

Wie ein Orkan bläst die gewaltige Stimme des Baritons Andrian Gans über die Zuschauerreihen hinweg und lässt die Wände erzittern. Der kraftvolle und expressive Sänger verleiht dem Rebellenführer Iberè mit seiner kernigen Stimme glaubhaft Gestalt, ein kraftstrotzender, etwas ungestümer Held.

Seinen finsteren Bass führt Stephan Bootz zunächst als Fabrikbesitzer, dann als Sklavenanführer Goitacá ins Feld. Neben Chi Kyung Kim als sadistischer Aufseher sind ferner Paul Przybyski, Sang-Kiu Han, Antje Tiné und Vito Tamburro in kleinen Solorollen zu erleben. Gewohnt stimmstark sind Chor und Extrachor des Stadttheaters zu erleben. Das Bild vervollständigen die Sambagruppe und die Kinderstatisterie des Stadttheaters.

Weitere Aufführungen am 11., 25. Februar, 19., 31. März, 24. April, 21. Mai jeweils um 19.30 Uhr.


Fonte: http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/kultur/print_10172274.htmhttp://www.giessener-anzeiger.de/lokales/kultur/print_10172274.htm