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quinta-feira, 29 de julho de 2010

UNESCO-Welterbekonferenz in Brasilia

Im Interview mit DW-WORLD.de äußert sich der brasilianische Kulturminister Juca Ferreira zur Bedeutung der Welterbestätten für die Entwicklungschancen eines Landes.

Brasilia, die von Stararchitekt Oscar Niemeyer am Reisbrett entworfene Metropole war die erste moderne Stadt, die mit dem Welterbetitel ausgezeichnet wurde. Heute, 50 Jahre nach ihrer Erbauung, tagt hier die 34. Welterbekonferenz der UNESCO. Delegationen aus 187 Ländern sind in der brasilianischen Hauptstadt zusammengekommen um über die Aufnahme neuer Orte in die Liste der Welterbestätten zu beraten. 890 Orte, Landschaften und Gebäude aus 148 Ländern umfasst die Liste derzeit, 17 davon befinden sich in Brasilien (zehn Naturerbe- und sieben Kulturerbestätten).

In diesem Jahr hat Brasilien den Platz des Heiligen Franziskus (Praça de São Francisco) in der Kolonialstadt São Cristóvão, im Bundesstaat Sergipe, als Weltkulturerbe vorgeschlagen. Die Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstandene Bebauung des Platzes repräsentiere symbolisch die iberische Kultur in Brasilien, so die Begründung.


Im Interview mit DW-WORLD.de hat sich der Präsident des Welterbekomitees, Juca Ferreira, zu den aktuellen Welterbestätten, zum Beitrag Brasiliens und zu den Schwierigkeiten bei der Erhaltung der geschützten Orte geäußert.


Der brasilianische Kulturminister und Präsident der Welterbekomitees, Juca Ferreira (Quelle: Kulturministerium Brasilien)
Deutsche Welle: Herr Ferreira, wie bewerten Sie die derzeitige Situation der Welterbestätten? Und wie sehen Sie die Welterbekonvention als Kooperationsmechanismus zwischen den Mitgliedsländern?
Juca Ferreira: Die Konvention erfährt viel Zuspruch und wir werden bald in der Lage sein, den eintausendsten Ort als Welterbestätte auszuzeichnen. Das hat wesentlich zur Bewusstseinsbildung in den Gesellschaften der Länder beigetragen, in denen geschützte Welterbestätten liegen. Es gibt aber noch viel zu tun. Wir müssen uns vor allem mit dem Ungleichgewicht bei der Verteilung der anerkannten Welterbestätten zwischen Europa und Nordamerika auf der einen und den arabischen und afrikanischen Ländern sowie Lateinamerikas auf der anderen Seite auseinandersetzen. Diese letztgenannten Regionen sind immens reich an kulturell wertvollen Stätten, aber bislang sind nur sehr wenige von ihnen als Weltkulturerbe anerkannt worden. Diesem Missverhältnis muss dringend entgegengewirkt werden.

Welche Rolle spielt Brasilien im Welterbekomitee?
Brasilien ist in der UNESCO immer schon ein aktives Land gewesen. Brasilia ist als erste moderne Weltkulturerbestätte anerkannt worden; dahinter steckten damals die Bemühungen Brasiliens um das Konzept des Welterbes zu erweitern. Zum Welterbe zählen seitdem nicht allein die Spuren der Vergangenheit, sondern auch die der Gegenwart. Die Aufnahme Brasilias in die Weltkulturerbeliste war entscheidend für eine qualitative Vertiefung der Konvention. Diese Erfahrung wollen wir jetzt in dem neu zu gründenden Ausbildungszentrum für Weltkulturerbe-Manager einbringen. Ziel ist es, sowohl auf öffentlicher als auch auf zivilgesellschaftlicher Ebene in Lateinamerika und in den portugiesischsprachigen Ländern Afrikas Strukturen zur Erhaltung der Welterbestätten aufzubauen. Das spiegelt auch die die wachsende Rolle Brasiliens innerhalb der UNO wieder.

Stadtansicht von Brasilia (Foto: AP) 
Die von Architekt Oscar Niemeyer entworfene Hauptstadt Brasilia wurde als erste moderne Metropole mit dem Weltkulturerbetitel ausgezeichnet


Wo sehen Sie die derzeit größten Schwierigkeiten beim Erhalt der Welterbestätten?
Es gibt überall große Probleme zu bewältigen. Aber man muss unterscheiden zwischen Natur- und Kulturerbestätten. Für Naturstätten gibt es feste Kriterien, während jede einzelne Kulturstätte eine eigene Diagnose benötigt, was die Probleme vervielfacht, vor allem wenn es sich um Orte im urbanen Raum handelt.
Seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat Brasilien eine rasante Verstädterung erlebt. Bis 1960 lebten nur 20 Prozent der Brasilianer in den Städte, heute sind es über 80 Prozent. Wir sind eines der Länder mit dem schnellsten Städtewachstum, aber es war ein planloses, unkontrolliertes Wachstum, das zu Lasten der urbanen Infrastruktur gegangen ist. Das hat sich auf unser kulturelles Erbe ausgewirkt. Und heute erlebt Brasilien eine Phase rasanten Wirtschaftswachstums, was die Probleme noch potenziert.

Befürchten Sie einen möglichen Konflikt zwischen dem schnellen Wirtschaftswachstum und dem Erhalt von kulturell wertvollen Bauten und städtischen Landschaften?
Daran besteht kein Zweifel, aber wir können das Problem lösen. Das Wachstum muss kein Feind des Denkmalschutzes sein. Man kann den Denkmalschutz auch als Teil des Wirtschaftswachstums begreifen. Wenn die Konservierung alter Bausubstanz sinnvoll gestaltet wird, dann kann sie nicht nur zum Erhalt des kulturellen Erbes beitragen sondern auch einen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur Lebensqualität leisten. Ein gutes Beispiel ist der Iguaçu-Nationalpark, der erste brasilianische Naturpark, der von der UNO als Welterbe anerkannt worden ist. Seitdem ist der Nationalpark zu einem Tourismusmagneten geworden. Und die Zahl der Besucher, die das unmittelbare Naturerlebnis suchen, wächst konstant. Es ist also nicht nötig, etwas zu zerstören um wirtschaftliches Wachstum zu erzielen.
Aber diese Diskussion ist nicht einfach zu führen, denn der traditionelle Wachstumsgedanke berücksichtigt nicht die Bedeutung der natürlichen Ressourcen und des kulturelle Erbes. Diese Aspekte müssen in das Wachstum mit eingerechnet werden. Für Brasilien bedeutet das einen Paradigmenwechsel. Denn seit der Ankunft der Portugiesen vor 500 Jahren gab es eine konstantes Wachstum, das sich jedoch unausgewogen entwickelt hat und sich negativ aus die Lebensqualität der Menschen sowie auf die natürliche Ressourcen und das kulturelle Erbe ausgewirkt hat.
Wir müssen zu einem neuen Interessenausgleich kommen, und das setzt die politische Bewusstseinsbildung der gesamten Gesellschaft voraus. Dabei spielt der Staat als Hüter des kulturellen Erbes eine wichtige Rolle.

Fonte: Interview: Ericka de Sá, Redaktion: Mirjam Gehrke
http://www.dw-world.de/dw/article/0,,5841815,00.html

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